Hunderte Schülerinnen, Schüler und Kirchenbesucher entführt – lokale Partner fordern internationale Reaktion
Die jüngste Welle schwerer Angriffe auf Schulen und Kirchen im Norden Nigerias zeigt eine dramatische Verschärfung der Sicherheitslage. Innerhalb weniger Tage wurden in mehreren Bundesstaaten mehr als 290 Menschen entführt – darunter zahlreiche Kinder und Jugendliche.
Massive Angriffswelle in drei Bundesstaaten
Die Einschätzung Ikes wird durch die Ereignisse der vergangenen Tage bestätigt. In den Bundesstaaten Kebbi, Niger und Kwara ereigneten sich nahezu zeitgleich schwere Übergriffe auf Schulen und kirchliche Einrichtungen.
- Kebbi: 25 Schülerinnen entführt
Am 17. November drangen bewaffnete Männer in die staatliche Mädchenschule von Maga (Kebbi) ein. Ein Mitarbeiter wurde getötet, 25 Schülerinnen wurden verschleppt. Bereits am Vortag hatten als Soldaten verkleidete Täter das Gelände auskundschaftet. Die Schule mit rund 300 Kindern wurde geschlossen.
- Niger: mindestens 227 Verschleppte
Kurz darauf folgte ein weiterer Großangriff auf eine katholische Schule im Bundesstaat Niger, unweit von Abuja.
Nach Angaben des Verbandes der Christen in Nigeria wurden mindestens 227 Schülerinnen, Schüler und Lehrkräfteentführt. Die Landesregierung bestätigte den Vorfall, erklärte jedoch, dass die genaue Zahl noch geprüft werde.
Die Schule hatte eine Anweisung missachtet, Internate aufgrund konkreter Geheimdienstwarnungen zu schließen.
- Kwara: 38 Kirchenbesucher entführt
Im Bundesstaat Kwara wurden während eines Gottesdienstes 38 Gläubige verschleppt. Die Täter fordern rund 100 Millionen Naira pro Person (etwa 60.000 Euro).
Die drei betroffenen Bundesstaaten grenzen direkt aneinander, sodass die Angriffe in einem verbundenen Krisengebiet stattgefunden haben.
Bischof Bulus Yohanna: „Stille Verfolgung trifft die Gemeinden unmittelbar“
Während Ike die Lage strukturell und analytisch einordnet, berichtet Bischof Bulus Duwa Yohanna aus Kontagora (Bundesstaat Niger) über die unmittelbare Erfahrung vieler Christen: „Sie drangen in eine unserer Außenkirchen ein, und alle rannten in den Busch. Die Lage ist schrecklich.“ Er spricht seit Monaten von einer „stillen Verfolgung“, die zunehmend den Alltag prägt. Gemeinden werden eingeschüchtert, Gottesdienste bedroht und ganze Dörfer zur Flucht gezwungen – oftmals ohne die Möglichkeit, staatlichen Schutz in Anspruch zu nehmen.
Obiora Ike: Entführungen als Teil einer orchestrierten Verfolgung christlicher Gemeinden
Als eine der maßgeblichsten Stimmen der nigerianischen Kirche ordnet Monsignore Obiora Ike die Ereignisse ein. Er ist Direktor des katholischen CIDJAP-Instituts in Enugu und CiN-Nigeria eng verbunden. Ike schreibt: „Das menschliche Leben ist heilig. Die jüngsten Entführungen unschuldiger Schulkinder sind nur ein Teil einer fortgesetzten, orchestrierten Verfolgung der christlichen Bevölkerung, die unvermindert anhält.“
Seine Analyse macht deutlich, dass es sich nicht um zufällige Gewaltakte handelt, sondern um eine systematische Bedrohung christlich geprägter Regionen.
In einer aktuellen Stellungnahme spricht Ike von einer gezielten Strategie extremistischer Gruppen:
„Die Tragödie der extremistischen islamistischen Aggression in Nigeria, bei der terroristische Gruppen eingesetzt, finanziert und unterstützt werden, um Macht und Kontrolle in christlichen Gebieten auszuweiten, dauert an. Die jüngsten Entführungen unschuldiger christlicher Schulkinder sind Teil einer fortgesetzten, orchestrierten Verfolgung, die unvermindert anhält.“
Er kritisiert das Versagen staatlicher Institutionen in außergewöhnlich klaren Worten:
„Die Unfähigkeit von Sicherheitsbehörden, Polizei und Militärgeheimdienst, diese Situation frontal anzugehen, bleibt ein Rätsel. Es gibt keine Entschuldigung dafür, dass staatliche Stellen ihrer verfassungsmäßigen Pflicht, Leben und Eigentum zu schützen, nicht nachkommen.“
Auch die moralische Dimension der Gewalt spricht Ike offen an:
„Das menschliche Leben ist heilig. Die Verwendung des islamischen Dschihadismus zur Verfolgung von Christen sowie das Schweigen oder die Untätigkeit der Verantwortlichen bedeuten eine doppelte Tragödie – für die Religionsfreiheit, die Menschenwürde, die Rechtsstaatlichkeit und die Güte Gottes.“
Sein Appell ist eindeutig:
„Wir fordern die sofortige Freilassung der entführten Kinder und den Druck aller, die lokal und international Verantwortung tragen. Frieden kann nur auf der Grundlage von Gerechtigkeit und Wahrheit bestehen.“
Reaktionen der Regierung und internationale Dimension
Präsident Bola Tinubu sagte angesichts der Lage geplante Auslandsreisen – darunter zu einem G-20- sowie AU–EU-Gipfel – ab. Eine Delegation unter Leitung des nationalen Sicherheitsberaters wurde in die USA entsandt, um politische Gespräche zu führen.
Parallel dazu entbrannte eine internationale Debatte:
US-Präsident Donald Trump warf Nigeria erneut vor, Christen nicht ausreichend zu schützen und drohte sogar mit einem möglichen Militäreinsatz. Die nigerianische Regierung wies diese Vorwürfe als „Falschdarstellung“ zurück.
CiN-Einschätzung
Christen in Not arbeitet seit vielen Jahren eng mit Partnerorganisationen wie CiN-Nigeria sowie Diözesen in besonders betroffenen Regionen zusammen. Die jüngsten Ereignisse unterstreichen:
- Christliche Gemeinden erleben eine systematische Gefährdung.
- Frauen und Kinder sind zunehmend primäre Zielgruppen extremistischer Gewalt.
- Sicherheitsstrukturen des Staates funktionieren vielerorts nicht.
- Lokale Stimmen wie jene von Rev. Dr. Obiora Ike und Bischof Bulus sind entscheidend, um die Situation realistisch einzuschätzen.
CiN wird seine Programme in den Bereichen Nothilfe, Bildung, Wiederaufbau und interreligiöser Friedensarbeit weiter intensivieren. Mit CiN-Nigeria sind wir oft an Orten tätig, die viele andere NGOs schon längst verlassen haben.
Quellen:
CIDJAP, Vatican News, FAZ – Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nigeria Christian Association, CiN-Partnerberichte.