CSI veröffentlicht beachtenswerte Äußerungen von Mahmud Azab, Verantwortlicher für den interreligiösen Dialog der Kairoer al-Azhar-Universität
Christen sind in Ägypten das schwächste Glied in der Kette. Kein Wunder, dass sie besonders darunter zu leiden haben, wenn die Ägypter jetzt an den Ketten rütteln. Vor allem wütende Muslimbrüder verüben in diesen Wochen immer wieder Anschläge auf koptische Kirchen und Einrichtungen. Viele koptische Christen sind jetzt in Panik und sagen, sie würden so stark diskriminiert, wie schon seit vielen Jahren nicht mehr. Radio Vatikan sprach über ihre Lage mit Mahmud Azab, dem Verantwortlichen für interreligiösen Dialog der tonangebenden Universität al-Azhar von Kairo:
M.A.: „Das Wort säkular – weltlich – hat bei uns einen sehr schlechten Ruf. Wenn Sie es in der arabischen Welt in den Mund nehmen, dann klingt das, als wären Sie generell gegen die Religionen. (…) In einer Erklärung von al-Azhar, die wir – Christen und Muslime – zusammen geschrieben haben, heißt es: Wir wollen ein geeintes Land, einen demokratischen, modernen Verfassungsstaat.“
Ständige Absprachen mit Kopten im Verfassungsrat
An der Verfassung des neuen Ägypten wird gerade geschrieben (…) Anders als bei Mursis Text formulieren an der neuen Verfassung auch koptische Christen – darunter ein Bischof – im Auftrag ihrer Kirche mit.
M.A.: „Wir arbeiten Tag und Nacht. Die Delegation der al-Azhar im Gremium, das die Verfassung ausarbeitet, trifft sich sehr häufig erst einmal mit der Delegation der Kirche, bevor wir ins Plenum gehen und mit allen fünfzig Mitgliedern zusammen diskutieren. Schon von Anfang an waren al-Azhar und Kopten sehr nah beieinander, was die Werte für Ägypten, die ägyptische Identität betrifft. Ägypten ist ein zivilisiertes, seit Jahrtausenden tolerantes Land – es muss auf diesem Weg weitergehen.“
Gründung eines sog. „Hauses der ägyptischen Familie“ für die Einheit Ägyptens
Die einjährige Präsidentschaft Mursis, während der die im Parlament dominierenden Muslimbrüder viele ihrer Projekte durchsetzen konnten, hat die hergebrachte religiöse Toleranz in Ägypten auf eine harte Probe gestellt. Nach ihrer Entmachtung – die Muslimbruderschaft soll ja sogar in Ägypten wieder verboten werden – wendet sie sich in ihrem Zorn nun vor allem gegen die Christen. Längerfristig aber haben die Kopten vielleicht die besseren Karten: Im Treibhaus der vom Militär hergestellten neuen Verhältnisse können sie an den Fundamenten des künftigen Ägypten mitbauen.
M.A.: „al-Azhar hat ein sog. „Haus der ägyptischen Familie“ gegründet – das ist ein Projekt des Imam von al-Azhar, um die Einheit Ägyptens zu schützen. Muslime wie Christen machen mit, nicht nur die koptisch-orthodoxe Kirche, sondern auch die drei anderen anerkannten christlichen Kirchen mit ihren Führern, und dazu viele engagierte Muslime und Christen, die keine Geistlichen sind. Die Ziele sind zweierlei: erstens eine gemeinsame Sprache zu führen, die die großen muslimischen und christlichen Werte herausstreicht, die Besonderheiten Ägyptens als Land des Friedens seit Jahrhunderten. Und zweitens: die Probleme sowie Missverständnisse zwischen Muslimen und Christen untersuchen und die wahren Gründe dafür erforschen. Da stellt sich dann schnell heraus, dass die Probleme in Wirklichkeit oft politischer Natur sind und dass das Religiöse nur vorgeschoben war!“
Das klingt zwar schön, doch im Orient gibt es ja keine strikte Trennung zwischen Religion und Politik. Beide Faktoren bilden dort gewöhnlich ein Knäuel, zusammen mit Stammesinteressen und Gruppen-Loyalitäten. Aber al-Azhar ist offenbar daran gelegen, weiterhin als moderate Stimme in Erscheinung zu treten. Mahmud Azab setzt sich deutlich ab von Ägyptens islamistischem Experiment:
M.A.: „Ägypten ist ein Volk, das in Frieden leben will, seinen Glauben hat – muslimisch und christlich – das nicht
fanatisch ist und die Religion nicht überall reinvermengt. Der Respekt vor dem Staat und seinen Einrichtungen darf nicht von einer Gruppe oder Partei, ob religiös oder nicht, für die eigenen Zwecke eingesetzt werden. Also, alles, was die Muslimbrüder zu tun versucht haben, stößt auf unseren Widerstand – nicht weil wir die Entscheider wären, sondern weil das ägyptische Volk das am 30. Juni so entschieden hat!“
„Es war kein Staatsstreich: Der Westen will die Wahrheit nicht zur Kenntnis nehmen“
Hunderttausende Menschen hatten am 30. Juni in Kairo gegen Mursi und sein Kabinett demonstriert; vier Tage später nahm das Militär die Demos zum Anlass, um den Präsidenten aus dem Amt zu hieven und ein Übergangsregime zu installieren. „Das sah vielleicht so aus wie ein Staatsstreich, aber es war keiner“, beteuert der koptisch-katholische Patriarch Ibrahim Isaak Sedrak: Die Menschen hätten die Armee sozusagen zu Hilfe gerufen, weil Mursi sich gegen die Forderung nach Neuwahlen stemmte, und die Muslimbrüder hätten es auf die Streichung ganzer Epochen aus den Schulbüchern abgesehen gehabt. In Wirklichkeit sei da ein Kampf um die Identität Ägyptens und seine Werte im Gang gewesen. Ganz ähnlich sieht das auch der Vertreter der al-Azhar-Universität:
M.A.: „Leider will der Westen diese Wahrheiten nicht zur Kenntnis nehmen! Wenn wir versuchen, bei uns die Dinge zu verbessern und die Gewalt zu stoppen, dann erklärt man uns im Namen der Demokratie mit erhobenem Zeigefinger, wir dürften nichts gegen diejenigen tun, die zerstören oder den Ägyptern Böses zufügen wollen. Der Westen sollte lieber kohärent sein: Er sollte Ägypten helfen, sich zu öffnen, damit Muslime und Christen ihre wahre Identität wiederfinden.“